Coogan, Frederik und der fremde Kater

(Episode 3 aus dem Tagebuch eines kleinen Tigerkaters.)

Der Mond scheint hell ins Zimmer. Ich liege auf dem Kopfkissen neben meiner Menschin und spiele mit einer ihrer Haarsträhnen. Ich habe ihr verziehen. Ihr erinnert euch? Sie hat mich meiner Männlichkeit beraubt. Vier Wochen habe ich danach nicht mit ihr gesprochen und auch nur wenig gefressen. Aber jetzt habe ich mich mit meinem Schicksal abgefunden und es angenommen. Ein Vorbild hierfür ist natürlich mein großer Kumpel Frederik. Er ist ja auch kastriert und trotzdem ein prächtiger Kerl und ernstzunehmender Gegner von so manchem Kater aus der Nachbarschaft, der seine „cojones“ noch besitzt.

Ich liege also im Mondlicht und philosophiere über mich und meine Menschin. Ich weiß es noch wie heute, als sie mich aus dem Tierheim abgeholt hat. Ganz klein war ich da noch. Und froh, eine warme Hand zu haben, die mich streichelt. Ich durfte jede Nacht unter der Bettdecke der Menschin schlafen, fest an ihren Bauch gekuschelt. Ja ich bin ihr dankbar für das Zuhause, das sie mir bietet. Und ich gestehe, ich liebe diese Menschenfrau. Auch wenn sie manchmal etwas skurril zu sein scheint. Hegt sie doch eine seltsame Vorliebe für einen (mittlerweile uralten) Schauspieler namens Clint Eastwood. Dieser Kerl könnte ihr Opa sein! Aber sie findet ihn gut und immer, wenn einer seiner Filme läuft, hängt sie – und damit auch ich – vor der Glotze. So bin ich auch an meinen Namen gekommen. Frei nach „Coogans großer Bluff“. Skurril eben. Aber, was soll’s? Ein Name ist so gut wie jeder andere.

Langsam wird es hell draußen. Zeit, meine herzensgute Menschin zu wecken, damit sie nicht etwa das Futter vergisst. Mein Napf ist zwar noch halbvoll, aber man kann ja nie wissen. Ganz voll ist immer noch besser als halbvoll. Ich beschließe also gerade, ihr mit Wucht auf den Bauch zu springen und ihr anschließend meinen Schädel küssenderweise ins Gesicht zu rammen, Babymaunzer inbegriffen, als ich von draußen einen Ruf vernehme. Es ist Frederik. Er könnte durch die Katzenklappe auch zu uns herein kommen, aber er ist immer vorsichtig, höflich und zurückhaltend. Ich stürme also vom Schlafzimmer aus direkt nach draußen in den Garten. Frederik sitzt in der gerade aufgegangenen Frühsonne und ich bewundere, wieder einmal, seine Anmut. Ein so prächtiger Kater wäre ich auch gerne. Leider werde ich als Europäisch-Kurzhaar nicht unbedingt an seine Maine-Coon-Körpergröße herankommen.

Frederik ist gekommen, um mich zu warnen. Er hatte gestern Abend auf dem Heimweg eine wenig erheiternde Begegnung mit einem fremden Kater, der wohl unbedingt ein neues Revier klarmachen möchte. Die schöne Russisch-Blau-Kätzin aus der Nachbarschaft wird hieran wohl nicht so ganz unschuldig sein. Frederik, mit leicht lädierten Ohren, berichtet von einem kurzen aber heftigen Kampf, nach dem sich der Artgenosse zunächst zurückgezogen hat. Aber es ist zu vermuten, dass er nun sein Glück bei mir versuchen wird. Ich gebe zu, ich muss schlucken. Einen Revierkampf, also einen echten Revierkampf, habe ich noch nicht bestritten. Ich gestehe ich habe Angst. Aber Frederik beruhigt mich. Er hält mich für tapfer und beherzt und ist sicher, dass ich diesen Kampf bestehen werde. Außerdem verspricht er mir, in der Nähe zu sein und notfalls einzugreifen. Aber, er macht mir auch klar: Diesen Kampf muss ich alleine ausfechten, wenn ich ein echter Kater sein will und nicht etwa ein Schosshündchen. Recht hat er.

Ich lade Frederik zum Essen ein. Es ist Sonntag und die Menschin, die mittlerweile von ganz allein wach geworden ist, stellt sofort und bereitwillig eine zweite Schüssel mit herrlichem Nassfutter „Huhn in Soße“ bereit. Sie mag Frederik sehr gerne. So gerne, dass ich manchmal etwas eifersüchtig bin. Aber nur manchmal. Eigentlich genieße ich unsere „Familie“ auch wenn Frederik nur sporadisch dazugehört. Er hat ja schließlich seine eigene Familie. Und was für eine! Drei Kids im Alter von fünf bis zehn! Er hat es nicht leicht. Frederik und ich genießen den Sonntag. Putzen uns und ruhen gemeinsam nach dem guten Essen. Zum Mittagessen wird die Menschin von irgendeinem ihrer Liebhaber abgeholt. Ja, sie hat von Zeit zu Zeit einen Freund, aber bisher nie etwas Ernstes. In der Zeit, bevor sie mich aus dem Tierheim holte, hatte sie wohl mal einen Ehemann. Aber das ging auseinander und ich habe ihn nie kennengelernt. Ganz selten übernachtet mal einer ihrer Verehrer bei uns. Ich bin dann regelmäßig so was von sauer, weil sie mich nicht in das Schlafzimmer lässt. So manch gutes Möbelstück zeigt noch heute Spuren meines Protestes und meiner Missachtung.

Die Menschin ist also fort. Frederik und ich verbusseln den Tag. Streifen ein wenig in der Nachbarschaft umher. Bewundern die Russin aus der Ferne. Sich ihr zu nähern, wenn sie nicht rollig ist, ist eine brandgefährliche Angelegenheit und nichts für gemütliche, sonnige Sonntage. Schließlich trollen wir uns zurück zu meinem Haus. Beim Annähern sträubt sich unser Fell. Mein Kumpel und ich wittern es fast gleichzeitig. Der Fremde ist oder war hier. Er hat die Frechheit besessen, in meinem Garten zu markieren. Schnell überdecke ich seinen Geruch mit dem meinen und Frederik setzt seine Marke direkt daneben. Vorsichtig, nach allen Seiten sichernd, nähern wir uns dem Haus. Ich glaube es nicht, der Gipfel der Unverschämtheit! Der Fremde war doch tatsächlich im Haus! Alle Sinne aktiviert und mit gesträubtem Fell untersuchen wir Raum für Raum. Er hat zum Glück nichts angestellt. Nur in der Küche hat er unsere Näpfe restlos leer gefressen.

Im Haus ist der Fremde nicht mehr. Da klappert die Haustür und meine Menschin betritt die Szene. Sie hat manchmal so etwas Dominantes an sich. Sie ist allein. Und heult. Oh weh, der neue Lover! Frederik macht sich schleunigst aus dem Staub. Und ich stehe ihr pflichtschuldigst als Trost zur Verfügung. Tja, Menschin, wann wirst du erkennen, dass Kater, insbesondere solche die Coogan heißen, die besseren Gefährten für euch Menschenfrauen sind? Wir sind immer für euch da. Und je dicker ihr werdet, umso lieber ist es uns. WIR lieben kuschelige Bäuche, jawoll! Die Menschin und ich gehen schlafen. Ich, seit langem mal wieder, an ihren (übrigens keinesfalls dicken) Bauch gekuschelt. Schnurrend, während sich die Menschin in den Schlaf heult. Den fremden Kater habe ich nicht vergessen. Ich werde wachsam sein. Und ich werde die Menschin veranlassen, meine Katzenklappe des Nachts zu verschließen. Ich weiß nur noch nicht wie. Aber es wird mir etwas einfallen, da bin ich sicher.

Coogan und der verhängnisvolle Besuch beim Tierarzt

(Episode 2 aus dem Tagebuch eines kleinen Tigerkaters.)

Der Tag fängt so gut an. Meine Menschin hat gute Laune, trällert unter der Dusche und gibt mir einen Kuss nach dem anderen. Na ja, auf die Küsse kann ich eigentlich verzichten. Sie geht, wie jeden Morgen, zur Arbeit und ich treffe mich bald darauf mit meinem Kumpel Frederik.

Gemeinsam schauen wir nach der wunderschönen Russisch-Blau-Katze, die in der Nachbarschaft eingezogen ist. Aber wir werden enttäuscht. Die Dame ist auf der Terrasse, auf der sie sich sonst aufzuhalten pflegt, nicht anzutreffen. Frederik und ich wagen uns näher an das Haus, immer gewahr auf einen raufwütigen Artgenossen oder einen wildgewordenen Menschen zu treffen, aber von der Dame ist nichts zu sehen und auch nichts Neues zu erschnüffeln. Doch da, bei genauem Hinhören, kann man aus den Tiefen des Hauses den Gesang der schönen Russin wahrnehmen. Sie ist rollig. Jetzt spielen meine Hormone verrückt. Wie von Sinnen antwortete ich der Schönen und beginne ausgiebig das Revier zu markieren. Wäre Frederik nicht da, ich wäre wohl gänzlich ausgeflippt.

Frederik ist – im Gegensatz zu mir – kastriert. Ihn ficht der Gesang einer Rolligen daher nur bedingt an. Zumindest gelingt es ihm, einen klaren Kopf zu behalten. Frederik bringt mich also mit einem satten Schulterwurf zur Räson und danach mit heftigsten Pfotenschlägen aus der Reichweite der entzückenden Dame. Ich muss immer wieder feststellen, dass Fredrik ein wirklicher Freund ist. Tja und auch körperlich größer und kräftiger. Aber als wirklicher Freund nutzt er das nie aus. Auch hier handelt er zu meinem Besten, wenn auch zu spät, denn aufgrund meiner Reviermarkierungen weiß ich, dass meine Menschin mir Hausarrest aufbrummen wird. Denn sobald ich den Geruch der Reviermarkierung an mir haften habe, und der haftet gut, wird sie sehr streng sein und ich darf für ein paar Tage nicht aus dem Haus. Denke ich mir so. Ich Tor! Frederik denkt das auch und ärgert sich. Wenn wir uns die nächsten Tage sehen wollen, wird das nur durchs Fenster möglich sein.

Zuhause angekommen muss ich feststellen, dass meine Menschin vor der Zeit zurück ist. Ich ahne nichts Gutes und versuche, mich fern von ihr zu halten. Doch zu spät. Sie greift mich, schnuppert an mir, murmelt etwas, telefoniert und ehe ich mich versehe, bin ich im Reisekennel verstaut und wir im Auto unterwegs. Sie murmelt etwas von Tierarzt. Jetzt weiß ich noch vom letzten Mal: Tierarzt ist nicht schlimm. Man bekommt einen Pieks, der ist auszuhalten, und danach unglaublich viel Liebe und Leckereien von der Menschin. Ich habe also keine Angst. Ich Vollidiot! Vertrauensvoll grinsend sitze ich auf dem Tisch der netten Tierärztin, bekomme auch meinen Pieks und...

...das Nächste, was ich fühle ist, dass mir jemand Vertrautes intensiv meine Katerohren wäscht. Ich registriere Frederik und außerdem ein unangenehm schmerzliches Gefühl zwischen meinen Hinterbeinen. Zwischen meinen Hinterbeinen??? Fragend schaue ich Frederik an, der etwas verlegen zur Seite blickt. Was ist mit mir passiert? Und wieso kann ich meine Beine nicht richtig fühlen? Panische Angst steigt in mir auf. Doch Frederik, mein guter alter erfahrener Kumpel Frederik, beruhigt mich – unter fortwährendem Ohrenabschlabbern – dass das taube Gefühl von der Narkose kommt und bald fort sein wird. Na ja und der Schmerz zwischen den Beinen... Frederik schluckt... „Nein“, schreie ich. „SIE hat doch nicht etwa?“ Doch sie hat!

Alarmiert durch mein Gebrüll erscheint nun auch meine Menschin. SIE, die ich nun ewig hassen werde, hat mich doch tatsächlich k-a-s-t-r-i-e-r-e-n lassen. Niemals werde ich ihr das verzeihen! Und um ihr das klar zu machen, hacke ich mit meinen Krallen nach ihr und knurre, was das Zeug hält. Immerhin hat sie Tränen in den Augen. Pah, soll sie heulen, diese zweibeinige Intrigantin. ICH habe ihr bedingungslos vertraut und was macht sie? Ausgleichend schaltet sich nun Frederik ein. Laut schnurrend sowohl in meine als auch in ihre Richtung. Mich beruhigt sein Schnurren und ich werde schläfrig. Im Halbschlaf bekomme ich noch mit, dass Frederik sich von meiner Menschin den Bauch kraulen lässt. Ich denke noch, dass es gut ist, einen Freund wie Frederik zu haben, dann bin ich fest eingeschlafen und träume von rolligen Russisch-Blau-Katzen.

Coogan und Frederik

(Episode 1 aus dem Tagebuch eines kleinen Tigerkaters.)

Uhh, dieser Tag beginnt äußerst brenzlig, denn meine Menschin hat schlechte Laune! Nun gut, vielleicht bin ja ein ganz kleines bisschen Schuld daran. Vielleicht hätte ich ihr doch nicht mit allen vier krallenbewehrten Pfoten und vollem Gewicht auf den Bauch springen sollen. Unsanft wecken nennt man das wohl.

Da hilft heute auch kein noch so lautes Schnurren und um die Beine streichen. Selbst mein (lange und intensiv geübter) „Lady-Di-Unschulds-Blick“ bleibt ohne Wirkung. Na ja, wenigstens hat sie Futter und Wasser hingestellt. Aber ich bleibe trotzdem besser auf Tauchstation, bis sie fort ist.

Endlich fällt die Haustür ins Schloss. Ich überlege mir gerade, ob ich ihr in die Schuhe kotzen soll, da kratzt es am Fenster. Meine Menschin und ich leben in einer Erdgeschosswohnung. Sie hat eine Katzenklappe an der Hintertür einbauen lassen, sodass ich den ganzen Tag und auch nachts ein und aus gehen kann. Vor dem Fenster sitzt Frederik, der Kater einer Menschenfamilie mit Kindern. Frederik ist ein wirklich intelligenter Katerfreund. Seine Intelligenz braucht er allerdings auch, wenn er die Attacken der Menschenkinder überleben will, die immer mal wieder stattfinden. (Ich liebe meine Menschin u. a. dafür, dass sie mir so etwas erspart.)

Ich verlasse das Haus durch die Katzenklappe und begrüße Frederik mit einem „Katerkuss“, was bedeutet, dass wir unsere Köpfe zusammenknallen und uns gegenseitig anpurren. Frederik ist aufgeregt. Fast atemlos berichtet er von einer neuen wunderschönen Kätzin, die in der Nachbarschaft eingezogen ist. Frederik meint, dass, seinem Geruchssinn nach, die Neue bald rollig werden dürfte. Das klingt natürlich äußerst interessant. Frederik seufzt auf. Er ist kastriert. Wir haben nie offen über dieses Thema gesprochen. Ich hatte immer den Eindruck, es ist ihm peinlich. Aber eines muss man ihm lassen, eine Rollige erkennt er, wenn er sie riecht. Ich selber befinde mich –noch- im Vollbesitz meiner Katerkraft, was ich aber lediglich der Nachlässigkeit meiner Menschin zu verdanken habe, die einen Tierarzttermin nach dem anderen verpennt.

Nun gut, darüber bin ICH nicht böse. Solange sie mein Futter nicht vergisst! Aber, wir waren bei der neuen Katze. Frederik meint, sie hätte Freigang und wäre fast täglich auf der Terrasse des schmucken Einfamilienhäuschens zwei Straßen weiter zu finden. Nun gut. Schauen wir uns die Dame einmal an. Frederik und ich laufen Seite an Seite die Straße hinab. Durch die Büsche und stopp! Jetzt aber keine weitere Bewegung mehr! Denn da sitzt sie. Und sie ist schön. Sieht aus, als wäre die Katzengöttin Bastet selbst auf die Erde zurück gekehrt. Sie ist eine Russisch-Blau-Katze mit einem herrlich silbern schimmernden Flauschepelz und riesigen grünen Augen. So zart von Statue. Aber, diese Rasse ist mit Vorsicht zu genießen. Reaktionsschnell und äußerst aggressiv im Umgang mit uns Artgenossen. Aber eben auch wunderschön. Frederik neben mir zieht die Luft ein. Ja, noch ein, zwei Tage und die Lady wird rollig sein. Wir sehen uns an. Sind uns einig. Das werden wir weiter im Auge behalten! Für heute aber treten wir nicht weiter in Erscheinung. Gemeinsam trotten wir die Straße hinunter, zurück in mein Revier, das ich großzügig mit Frederik teile. Weil er kastriert ist und eben ein Katerfreund.

Ich schlüpfe durch meine Katzenklappe, nachdem Frederik sich vor dem Haus verabschiedet hat, und verschlafe den Rest des Tages. Es schon dunkel, als meine Menschin heimkehrt. Vorsichtig begrüße ich sie an der Tür. Nein, sie ist nicht mehr sauer auf mich. Im Gegenteil. Sie hat mir feinstes Futter und frisches Katzengras gekauft. Dafür darf sie meinen Bauch kraulen. Später werden wir wohl vor dem Fernseher einschlafen, denn es ist Wochenende und da passiert das fast immer. Ich kuschele mich also an meine Menschin, lasse den Tag Revue passieren, denke an die schöne Russisch-Blau, denke noch: „Das Leben ist schön“ und schlafe ein.

Der Haken an der Sache

Die Jenny und der Muck,
die wurden intim - mit Schmuck.

Sie zerren und zagen und klagen
und trauen sich keinen zu fragen.

Denn Muck und Jenny, die hängen fest,
empfindsam mag man sich denken den Rest.

Als endlich der Rettungswagen kam,
lachten die Sannis sich schlapp und lahm!

Eine hochrote Jenny, ein verlegener Muck,
nie wieder trugen sie intimen Schmuck.

:-)

Frankfurt

Hier nun der Beweis, Frankfurt ist grün. Blick vom Dach des Maintower.


EZB und Bankenviertel.


Blick auf die Innenstadt Richtung Osten.


Blick auf den Frankfurter Süden.


Blick auf die Zwillingstürme der Deutschen Bank und den Frankfurter Westen.


Blick auf den Frankfurter Norden, im Hintergrund der Taunus.


Und in dieser grünen Hölle hause ich:







Alltägliches – oder?

Wenn ich mal Zeit habe und die Sonne scheint, ist meine liebste Beschäftigung, mich in ein Straßencafe zu setzen, einen Espresso zu bestellen und die vorbeieilenden Menschen zu beobachten. Während ich meinen Espresso schlürfe, umbraust mich dann das Leben. Kindergeschrei, Gesprächsfetzen, lautes Lachen, verkniffene Gesichter. Menschen in Anzügen und Kostümen, Mädchen in knappen Röcken, alte Frauen und Männer mit Hut, Blaumänner, Jeansträger – das breite Spektrum dessen, was Mode und Kleidungsindustrie so hergeben, rauscht an mir vorbei. Ich bin Teil des Ganzen und gehöre doch nicht dazu. Kann hier an meinem Bistrotisch eine Distanz wahren, die mir sonst versagt bleibt.

Und wenn ich will, kann ich ganz für mich sein. Augen und Ohren verschließen und mich nur noch auf mich und meinen Espresso konzentrieren. Eine Bistrotisch-Insel der Ruhe schaffen. Gut, das hat mich einige Sommer und viel Übung gekostet, bis ich das konnte, aber jetzt ist es ein unschlagbares Erlebnis. Manchmal bin ich gezwungen, frühzeitig aufzutauchen aus der Ruhe. Zum Beispiel, wenn mich die Bedienung anspricht. Früher war ich darüber verärgert, heute schaffe ich es ansatzlos, freundlich lächelnd einen neuen Espresso zu bestellen und wieder abzutauchen. In die Stille. Und nach ein zwei Espresso fühle ich mich tatsächlich erholt und bin bereit, mich der Unruhe des Alltags wieder zu stellen. Gesichtslos vorbeieilende Menschen zu ertragen. Den Krach und den Gestank der Großstadt hinzunehmen.

Und mich den Unbillen der öffentlichen Verkehrsmittel auszuliefern. Gut meistens läuft alles glatt. Aber, es gibt Tage, da wünsche ich mir, besser daheim geblieben zu sein. Vor ein paar Wochen war so ein Tag. Nicht nur, dass sämtliche S-Bahnen 20 Minuten Verspätung hatten, nein, endlich in der Bahn gelandet und sogar noch einen Sitzplatz ergattert, musste ich feststellen, wie trügerisch so ein Teilsieg sein kann. Denn mir gegenüber saß ein Mann, der mir auf den ersten Blick unheimlich war. „So müssen Triebtäter aussehen“, dachte ich. Ungute Augen, die tief in den Höhlen lagen, musterten mich kurz. Mir wurde es unbehaglich und ich mühte mich, den Mann nicht anzuschauen. Das gelang mir ganz gut, indem ich ausgiebig die Musterung des Fußbodens der S-Bahn begutachtete. Ich fragte mich schon verärgert, warum ich kein Buch dabei hatte, als mein Gegenüber anfing zu telefonieren. Diese Stimme! Eiskalt lief es mir den Rücken runter! Leise, eindringlich und wortreich versuchte der Mann nun, den unbekannten Part am anderen Ende der Funkverbindung zu überzeugen, ihn an diesem Abend zu besuchen. Ich hingegen probierte nun, mir meine Insel der Ruhe zu schaffen, abzuschalten, denn das alles wollte ich ja nicht hören. Klappte aber nicht, es fehlte wohl der Espresso oder auch der Bistrotisch. Wahrscheinlich beides.

Nach zehn Minuten Gesprächsdauer wusste ich also, dass der andere Part Uwe hieß und erst morgen Abend auf ein Bier kommen würde. Danach herrschte Stille. Kurz wagte ich es, die Augen zu heben und in die Richtung des Mannes zu blicken. Hätte ich es doch nicht getan! Der Kerl saß mir doch tatsächlich gegenüber und bohrte genüsslich in seiner Nase. Immer wenn er fündig geworden war das Ergebnis auf ein Taschentuch streichend. Ich musste ein bisschen würgen und ein verstohlener Blick nach rechts und links sagte deutlich, es ging nicht nur mir so.

Das versöhnte mich ein wenig, denn es tut irgendwie gut, in seinem Elend nicht allein zu sein. An der nächsten Station stieg der „Triebtäter“ dann endlich aus und die ältere Frau neben mir sagte, „Haben sie das gesehen? Unmöglich oder? Und ganz unheimlich war der!“ Ich lächelte sie freundlich an und nickte. Und plötzlich hatte ich ein schlechtes Gewissen. Denn ich hatte den Mann einfach in eine Schublade gesteckt, ohne etwas über ihn zu wissen und ohne von ihm belästigt worden zu sein, wenn man die Sache mit dem Nasenbohren mal außen vor lässt, aber das war ja auch viel später. Und doch hatte die Frau neben mir ähnlich empfunden. Was war das wohl? Nur eine unglückliche Ausstrahlung eines Mannes, der vielleicht im Leben ein freundlicher fürsorglicher Mensch ist oder ein Warninstinkt? Ich weiß es bis heute nicht.

Ostern

Auf der Wiese, da locken,
sattgelbe Osterglocken.

Ein Osterhase hoppelt schnell,
in der Nähe gluckert frischer Quell.

Ein Kind sucht eifrig nach Eiern
weil wir ja Ostern feiern.

Ostern, das weiß jeder Christ,
Jesus auferstanden ist.

Ob gläubig oder nicht, keine Frage,
alle freu'n sich über die freien Tage.

Nur die kleinen Lämmchen nicht,
wer ist schon gern das Hauptgericht?

Frühling - die Zweite


Ein Leser schrieb mir mit wohlgesetzten Worten
und verwies auf die Scheidungsraten. Er wolle
"die Frühlings-Hormon-Thematik nur etwas
realistisch abrunden".
Hier nun meine Erwiderung :-)


Ja, da sagt der gute Mann,
wie es schrecklich enden kann.
Drum üb' nach Papst Enthaltsamkeit
niemals kommt es dann soweit.

Allerdings entgeht dann was,
in erster Linie großer Spaß
und auch der Gefühle Sachen,
können große Freude machen.

Denn Winter, Mensch, das laß Dir sagen
kann bringen mehr als viel Behagen.
Mit Mut und Kraft und Sorgsamkeit,
bleibt man auch länger noch zu Zweit.

Doch ein Geschenk ist sowas nie.
Tun muss man was, ob Er ob Sie,
sich lieben und sich Mühe geben,
dann hält die Sach' ein ganzes Leben.

Doch will man nicht, dann muss man nicht
hier und dieser Tage
Die Liebe ist ja keine Pflicht,
für manche eine Plage.

Ein jeder so wie er es mag,
gestaltet er dann seinen Tag.
Der eine so, die and're so,
Hauptsache ist 's sind alle froh.

Frühling

Da sitzt Du dort auf Deinen Steinen,
scheinst komplett mit Dir im Reinen,
beinah wie auf hohem Ross.
Stets und überall der Boss.

Doch diese Steine sind so hart
und reicht sie ihre Hand Dir zart,
nimmst Du sie mit Freuden an.
Denn sie ist Frau und Du bist Mann.

Und nach der dunklen Jahreszeit,
bist Du zu einigem bereit,
denn nicht nur Frühlingsblumen sprießen,
nein, auch die Hormone schießen.

So öffne Dich der zarten Triebe,
vielleicht ist es ja sogar Liebe?
Und ihr beginnt, was dann und wann
im Standesamte enden kann.

So kann begründen Frühlingsluft,
mit ihrem zarten Blütenduft,
einen starken Bund für’s Leben.
Doch, glaub mir Freund, das soll es geben!

Charlottes Nähkästchen


Als Du es noch konntest, hast Du feine Tischdecken gehäkelt. Stunde um Stunde hast Du da auf Deinem Sofa gesessen, geraucht, Dein Eierlikör-Sprudel-Zeugs getrunken und erzählt. Vom Krieg. Damals warst Du eine junge Frau mit wunderschönen blonden Haaren. Und Du warst Straßenbahnschaffnerin von Beruf. Weil Du so hübsch warst wurdest Du manchmal belästigt. Aber Du hattest von jeher eine große Klappe und wusstest, Dich zu wehren. Als die ersten Bomben fielen, wurdet ihr aufs Land geschickt. Später bist Du zurück, um zu helfen. Mich erschauert es noch heute, wenn ich an die Leichenberge verbrannter Menschen denke, von denen Du unter Tränen gesprochen hast. Aber auch lustige Sachen wusstest Du zu erzählen. Wie Du Deinen Mann kennenlerntest und er Dich umgarnte. Ihr verlobtet Euch noch schnell, denn er war als Soldat mit Kurs Richtung Ostfront auf der Durchreise. Dort, in Russland, galt er dann auch als verschollen und es hat lange gedauert, bis Du ihn wiedergesehen hast.


Jahre später ging es schleichend mit Deiner Gesundheit bergab. Eine schwere Kopfoperation, die Dein Gesicht zur Hälfte lähmte, konnte Dich nicht wirklich aus der Bahn werfen. Ich sehe Dich da sitzen, über Dich selbst und Deine neue Hässlichkeit spotten und täglich üben, um wenigstens einen Teil der verletzten Nerven wieder zu stimulieren. Geraucht hast Du weiterhin. Aber mit dem Eierlikörzeugs war Schluss. Die Krankheit hat Dich bitterer gemacht, aber Deinen - manchmal zynischen - Humor hast Du trotz allem nicht verloren. Auch dafür habe ich Dich immer geliebt und bewundert.

Nach der ersten Krebsoperation hast Du angefangen, Dein Nähkästchen zu füllen. Nähen oder häkeln war nicht mehr möglich, Deine Hände nicht mehr ruhig genug. Also fülltest Du das Nähkästchen mit allem, was Dich interessierte oder bewegte. Zeitungsausschnitte, Steine, Haarnadeln, Kinderschuhe. Jetzt lagst Du auf dem Sofa und machtest Kreuzworträtsel, um Deinen Geist wach zu halten. Liebevoll umsorgt von Deinem Mann.

Aber der Krebs hatte keine Gnade mit Dir. Obschon Du gekämpft hast wie eine Löwin, selbst eine Hirnhautentzündung konnte Dich nicht umbringen. Sieben Jahre Schmerzen, sieben Jahre schleichende Demenz und zunehmende Hilflosigkeit musstest Du hinter Dich bringen, bis der Tod Dich endlich erlöst hat.

Was von Dir geblieben ist, außer wunderbaren Kindheitserinnerungen? Dein Nähkästchen. Ich habe es noch nicht geschafft, es zu öffnen und zu sichten. Seit fünf Jahren nicht. Am Wochenende habe ich Dich besucht auf Deiner Wiese, wo Du Dich anonym hast bestatten lassen, weil Du niemandem zur Last fallen wolltest, mit Deiner Grabpflege. Ein schöner Platz ist das. Beschattet von einem riesigen Tannenbaum mit mächtigen Ästen und knorziger Rinde. Es ist tröstlich, sich vorzustellen, dass dieser Baum Dich nun beschützt. Du sicher verwahrt zwischen seinen Wurzeln liegst.

Den zynischen Humor und die Kämpfernatur habe ich von Dir geerbt. Beides nicht immer leichte Hypotheken, aber auch Eigenschaften, die mich das Leben haben meistern lassen. Ich will also zufrieden sein und mutig.

Denn weißt Du was, Charlotte? Morgen, ja morgen öffne ich endlich Dein Nähkästchen. Dann kannst Du mir noch einmal - zum letzten Mal - all die vertrauten Geschichten erzählen. Vielleicht gelingt es mir dann endlich, wirklich Abschied von Dir zu nehmen. Und nicht mehr von Dir zu träumen. Zu verstehen, dass Du nun Deinen Frieden hast. Und ich meinen Frieden mit Dir machen kann.