im Frühling






zart und leise
sanft und weise
kam ein Frühlingsduft daher

sehnte und hoffte
hüpfte und klopfte
das Herz wollte noch mehr

warm und herzlich
kalt und schmerzlich
rangen Gefühle in der Brust

wild und wollend
laut und grollend
schlug das Herz vor Lust

tief und innig
stark und sinnig
die Liebe sich dann fand

treu und echt
gut und recht
berührt durch deine Hand

Das Traumschaf



Neulich konnte ich nicht einschlafen. Also fing ich an, Schafe zu zählen. Tier für Tier sprang über einen kleinen Zaun. „166, 167“, zählte ich. Da plötzlich blieb ein kleines Schaf stehen und sah mich an. „Mäh“, sagte es und sprang aus meiner Gedankenblase geradewegs in mein Bett.

Da war ich schon erstaunt, erstrecht als das Schaf in wohlgesetzten Worten anfing, mit mir über Schopenhauer zu diskutieren. Nach Schopenhauer schüfen wir unsere Welt selbst und wenn ich nun entschiede, dass ein kleines Schaf mit mir über Schopenhauer diskutiere, so wäre das wohl sicher die Realität. Dann fragte es höflich, welche von meinen Zimmerpflanzen es nun fressen könne, es hätte Hunger.

Etwas verlegen, bot ich dem Schaf einen Salatkopf an, denn ich hänge an meinen Zimmerpflanzen. Damit war es dann zufrieden. Es machte es sich in meinem Bett gemütlich und wir plauderten eine Weile. Ich war schon erstaunt, wie gebildet so ein Schaf sein kann. Es wusste ganz herrliche Mondschafgedichte und Goethes Faust hatte es auch gelesen. Ich fragte das Schaf, wo es zur Schule gegangen sei, aber es versicherte mir, Schafe gingen nicht zur Schule, jedenfalls nicht im menschlichen Sinne.

Da fragte ich mich schon, woher so ein kleines Schaf so viel Bildung hatte. Nun, sagte das Schaf, es sei gewissermaßen Einbildung. Ich schüfe es schließlich, das Schaf, und wenn ich es wolle, hätte es auch Bildung. Das leuchtete mir ein. Dann kam ich auf die Idee mir einzubilden, das kleine Schaf wäre ein hervorragender Sternekoch. „Kein Problem“, sagte das Schaf und verschwand in der Küche, um dort ein Dreigänge-Menü zu zaubern.

Während es den Tisch deckte, entschuldigte sich das Schaf bei mir, es habe nicht viel Ressourcen in der Küche gefunden, was mich veranlasste, mir vorzunehmen dafür zu sorgen, dass immer ausreichend eingekauft sei. Voller Freude setzte ich mich an den liebevoll gedeckten Tisch.

Und gerade, als ich das leckere Schafsessen probieren wollte … schellte mein Wecker und fort war das Schaf und leider auch das Essen.

Die Realität kann so grausam sein. Was wohl Schopenhauer dazu gesagt hätte?


Abgedruckt in "der Freitag", Rubrik "Alltag", Seite 27, vom 21. Juli 2011

Die andere Seite

Wo gehen wir hin, wo kommen wir her? Fragen, die wir uns unser ganzes Leben stellen und auf die wir doch nie eine Antwort finden werden. Auf der einen Seite wird ein kleiner Mensch geboren und unschuldig in dieses Leben fallen und auf der anderen Seite ist ein Leben verloschen, einsam traurig und hoffnungslos.

So bin ich gefangen zwischen der Freude des kommenden unschuldigen Lebens und der Trauer um das vergangene, gegangene Leben, von dem ich dachte, es hätte nun einen Weg gefunden, endlich zu leben.

Wie soll ich damit umgehen, dem gerecht zu werden? Ein Leben um ein Leben? Nein, das erscheint mir doch zu flach. Wo ist sie hin, die Seele, die unsere Welt verlassen hat und wo kommt sie her, die kleine Seele, die in Kürze das Licht der Welt betreten wird? Kommen sie aus einem Ursprung? Dem Becken der Unendlichkeit, aus dem alle Seelen geboren werden und in das alle Seelen zurückkehren?

Ich weiß es nicht und möchte es doch gerne wissen. Was wird aus mir, wenn es schwarz um mich wird? Ist dann alles zuende? Verfalle ich zu Erde oder Asche und das war es? Wo ist sie, diese Seele, die einmal meine Schwester war? Wacht sie über uns? Amüsiert oder ärgert sie sich über diese Zeilen? Oder ist sie nun in ganz anderen Gefilden, die sich ein Mensch nicht einmal vorstellen kann?

Wir alle sind Kinder des Universums und tragen alle Partikel der "Ursuppe" in uns.
Was ist die Seele des Menschen?

Des Mondschafs Schuld(en)

Das Mondschaf sprach zum Bankverein,
auch ich will einmal schuldig sein,
doch nur und das möcht' ich betonen,
wenn sich die Dividenden lohnen.

Da kam flugs der Herr Ackermann
und nahm sich unseres Mondschafs an.
Jetzt hat das Mondschaf fünf Millionen.
Da sieht man, schuld sein kann sich lohnen.

Wortbaustellen

Du mögest zweifeln an meinen Worten,
du mögest zweifeln an meinen Reinem,
und doch sind sie alles für mich.
Formulieren meine Gedanken
und spiegeln meine Seele.
Darum sitze ich und schreibe,
befreie damit mein Herz.
Man möge mir verzeihen,
ich kann nicht anders.

Das Mondschaf hinterzieht Steuern

Es riss mich aus dem Schlaf:
Ganz schwarz ist das Mondschaf.
Von ehemals der weißen Weste
gibt es noch nicht mal graue Reste.

Ach hab' ich da geklagt, geweint
Schaf rief: "Hab's nur gut gemeint,
denn da wo meine Steuern schmoren,
ha'm auch Parteien schmutz'ge Ohren!"

Drum Merkelin, hab sorgsam acht,
nicht dass werde tiefe Nacht,
um Spendengeld in fernen Landen.
Was wir schon immer seltsam fanden.

Das Mondschaf aber, auf der Wiese,
sagt lässig, es sei sein' Devise,
zu kriegen, was zu kriegen sei,
das and're sei ihm einerlei.

Da schweigt des Reimers Höflichkeit
und fragt sich, wer da merkbefreit
in diesem uns'rem schönen Land
arbeitet wohl so Hand in Hand.

Des Schafes Mondfahrt

"Zum Mond, zum Mond!"
rief das Schaf,
bevor es die Raket' anwarf
und dann flog es in hohem Bogen
und nein, das ist jetzt nicht gelogen,
direkt zu uns'rem Erdtrabanten,
besuchte dort seine Verwandten.

Doch war es kalt und dunkel dort,
da machte es sich wieder fort,
zurück zur Erd' auf grüne Wiesen,
zur Straf' muss es jetzt ständig niesen.

Und die Moral von der Geschicht:
Verlasse brav den Boden nicht,
für den Du einst geschaffen.
Das wissen selbst die Affen,
die Mäuse und die Ziegen,
ein Schaf taugt nicht zum Fliegen.

Eine Weihnachtsgeschichte


Es war bitterkalt in dieser beginnenden Heiligen Nacht. Der Schnee rieselte vom Himmel und in allen Fenstern sah man strahlenden Glanz und Kerzenschein. Müde stapfte Anne durch den Schnee, der unter ihren Füßen knirschte. Sie hatte eine weite Reise hinter sich gebracht, etliche Stunden auf Flughäfen gewartet, weil die Flüge wegen des Wetters Verspätung hatten. Dann war kein Taxi zu bekommen. Auch Taxifahrer wollen mit ihren Familien Weihnachten feiern. So hatte sie sich also zu Fuß aufgemacht. Sie fror, das Land aus dem sie kam, war so viel wärmer gewesen. Der Rucksack schnitt in ihre Schultern, aber sie klagte nicht, sie war voller Vorfreude. Endlich stand sie vor dem ihr vertrauten Haus. Sie wunderte sich ein wenig weil alles so dunkel war.

Mühsam nestelte Anne den Schlüssel aus der Tasche und betrat ein kaltes, stilles Haus. Sie bekam es mit der Angst, eilte zu den Nachbarn und schellte aufgeregt an der Tür. Recht schnell wurde ihr von einer jungen Frau mit einem Baby auf dem Arm geöffnet. „Anne“, rief diese, „wir haben uns alle schon Sorgen um Dich gemacht!“ „Ja, ja“ murmelte Anne, „Flüge Verspätung und Akku leer, aber wo ist Mutter?“ Aus dem Hintergrund erschien nun eine ältere Dame. Sie hatte den Autoschlüssel schon in der Hand. „Komm, Anne“, sagte sie, „wir fahren zu ihr. Keine Sorge, es ist nicht so schlimm, aber Du weißt ja, ihr Herz und wir konnten Dich nicht erreichen.“ Anne wurde es trotzdem Angst und Bange. Sie stiegen ins Auto und sehr vorsichtig lenkte die ältere Dame den Wagen durch den Schnee.

Schließlich blieben sie vor dem Krankenhaus stehen. „Komm“, sagte die Nachbarin. Zielsicher ging sie durch die Lobby zum Aufzug und drückte einen Knopf mit der Aufschrift „Innere“. Dann klopfte sie an eine Zimmertür. Sie schickte Anne hinein: „Ich warte hier auf Dich“. Und in das Zimmer rief sie leise: „Martha, ich habe sie Dir gebracht. Jetzt kann es auch für Dich noch Weihnachten werden.“

Dann schloss sie die Tür und nahm auf einem Sessel im Gang Platz, während sich drinnen im Zimmer Mutter und Tochter in dem Armen lagen. Nach einer Weile klopfte es leise an der Tür. Herein kamen in Prozession ein junger Mann, der Nachbar, mit einem kleinen geschmückten Weihnachtsbaum in den Händen, die junge Frau, die noch immer das Baby trug und die Zwillinge, wilde Buben, die im Sommer so manchen Strauß mit Annes Mutter gefochten hatten, aber nun ganz brav einen großen Korb trugen. Und dann natürlich die ältere Dame, deren Oma, die Anne hergefahren hatte.

Und ehe es sich Anne und ihre Mutter versahen, war eine bescheidene Weihnachtstafel im Krankenzimmer gedeckt. Wie jeden Heiligen Abend gab es Kartoffelsalat und Würstchen, Tradition in dieser Gegend. Und obwohl die Würstchen, trotz Thermobehälter, ein wenig kalt waren, erschien es Anne und ihrer Mutter, als hätten sie nie etwas Besseres gegessen. Auch Kerzen waren nicht vergessen worden.. Und die ungestümen Jungs hatten tatsächlich extra ein kleines Weihnachtsgedicht für die kranke Nachbarin geschrieben, um sie zu trösten. Annes Mutter war ganz gerührt und nahm sich vor, im kommenden Sommer ein wenig nachsichtiger mit der Rasselbande zu sein.

Und so kam es, dass diese Heilige Nacht, die so unglücklich begann, zu einer der Schönsten wurde, an die sich auch die beiden Jungs noch lange Jahre erinnern sollten. Anne und ihrer Mutter jedoch waren gleich zwei wunderbare Geschenke gemacht worden, die mit keinem Geld der Welt zu bezahlen sind: sich wohlbehalten in den Armen zu halten und die Herzenswärme dieser Nachbarsfamilie zu erleben.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern eine friedliche Weihnachtszeit und einen schwungvollen Rutsch nach 2010. Möge uns allen, nicht nur zu Weihnachten, das Geschenk der Herzenswärme widerfahren.

Jamila

Anmerkung der Autorin: Diese Geschichte ist schon etwas älter und wurde aus einem anderen Anlass geschrieben. Sie erscheint mir vor dem Hintergrund der derzeitigen Ereignisse aber durchaus aktuell. Sie entschuldigt nicht, sie sucht nach Erklärungen. Und ich bitte mir nachzusehen, wenn ich die Kampfflieger nicht richtig beschrieben habe. Ich kenne mich damit nicht aus, will es nicht auch nicht wissen und finde es unerheblich für den Kern der Geschichte.

Jamila sitzt am Brunnen im Dorf und wäscht die Wäsche. Sie tut es mit geschickten Händen wie ihre Mutter und deren Mutter zuvor. Anfangs haben ihre Hände dabei weh getan. Heute ist die Haut hart und gegerbt. An die Arbeit gewohnt. Und doch können ihre Hände noch zärtlich sein. Auch wenn es ihrer Seele immer schwerer fällt.

Die Arbeit, das Schrubben der Wäsche, ist für sie Meditation. Sie denkt dann an die vergangenen Zeit. An ihre Brüder, ihre Schwestern, ihre dicke, fröhliche Mutter und ihren schweigsamen, gütigen Vater. Früher gingen die Frauen des Dorfes gemeinsam zum Waschen. Sie nutzten es als Informationsbörse. Sie lachten und stritten und tuschelten über ihre Männer. Heute findet das kaum noch statt. Es ist zu gefährlich geworden.

Jamilas Mutter führte einen organisierten Haushalt. Sie war den Kindern eine liebevolle Mutter, aber sie war auch streng und bändigte die sechs Kinder mit eiserner Hand. Der Vater, der draußen ein Krieger war, ein wichtiger Mann im Kampf gegen die Invasoren, er ordnete sich dem Regiment der Mutter unter. Er war ein liebevoller Vater und brachte nie eine Waffe mit ins Haus. Jamila erfuhr erst, wer ihr Vater wirklich war, als ihre Familie und das Haus nicht mehr existierten, weil eine israelische Bombe es zerstört hatte. Sie wurde von Nachbarn großgezogen, die das Andenken ihres Vaters ehrten, und fand einen Mann, der nichts mit dem Krieg zu tun hatte.

Er ist Buchhalter, jetzt seit zwei Jahren arbeitslos, seit der Zaun existiert und er keine Möglichkeit mehr hat, pünktlich bei seinem Arbeitgeber zu erscheinen. Sie leiden keine Not, denn sie haben einige Ersparnisse zurückgelegt. Abdel erledigt kleinere handwerkliche Tätigkeiten im Dorf, bei denen, die es sich noch leisten können und sie, Jamila, trägt ihren Teil durch Näharbeiten hinzu. Ihre Hände sind hart, aber geschickt.

Jamila denkt an ihre Kinder, die mit Abdel zuhause sind. Den kleinen Mohammed, der unbedingt Astronaut werden will, Asad, der Löwe, der älteste Sohn, viel zu ernst für sein Alter, Mahdi, der mittlere, der weint, weil er nicht mehr zur Schule gehen kann und zuletzt ihre kleine Blume, Ayana, erst sechs Monate alt. Ihre Herz wird ganz warm, wenn sie an sie denkt.

Jamila hört ein lautes Brummen. Sie ahnt, was das ist. Sie hat es schon oft gehört, auch in der Nacht, in der ihre Geschwister und Eltern starben. Es kommt immer näher. Panisch rafft sie Wäsche und ihren Hidschab, den sie beiseite gelegt hatte, und läuft in Richtung ihres Hauses. Doch zu spät. Die Bombe fällt. Sie weiß instinktiv, welches Haus sie getroffen hat. Fassungslos steht sie vor den brennenden Trümmern, in denen all ihr Glück, ihre Liebe und ihre Selbstachtung waren. Sie steht erstarrt zur Salzsäule. Die Bilder gleichen sich. Nur damals, als Kind, hat sie nicht verstanden, was passiert war. Heute weiß sie es. Und auch, wer der Verursacher ist.

Nachbarn, Freunde eilen herbei und zerren Jamila von der Straße. Wie in Trance sieht sie die verbrannten Körper, die ihr Leben bedeuteten, die aus dem Haus getragen werden. Jamila ißt nicht, schläft nicht und sagt kein Wort. Drei Tage lang. Die anderen Frauen reden auf sie ein, versuchen sie aufzurütteln. Sie soll weinen und schreien und trauern. Aber dort, wo einmal ein Herz war, sitzt nun ein Stein in Jamilas Brust. Sie ist zu keiner Regung fähig.

Am vierten Tag hüllt sie sich in ihren Hidschab und macht sich auf den Weg nach Ramallah. Sie braucht zwei Tage, denn ihr Körper ist geschwächt. Als sie ankommt, bluten ihre Füße. Sie fragt nach dem Haus des Anführers. Man gibt ihr zu trinken, verbindet ihre Füße und führt sie endlich hin. Der Anführer will keine Frau empfangen, heißt es. Erst als sie den Namen ihres Vaters nennt, wird sie zu ihm gelassen. Der Anführer ist erstaunt. Er kannte noch ihren Vater persönlich.

„Was willst du hier, Jamila?“ fragt er. „Geh nach Hause zu deiner Familie“.

„Ich habe keine Familie mehr!“ Jamila unterdrückt die erstmals aufsteigenden Tränen. Ihre Stimme klingt ganz fest, als sie sagt: „Gib mir eine Bombe, ich will Rache.“

Der Anführer streicht ihr über den Kopf und sagt „Wie du willst mein Kind, Allah wird es dir vergelten.“

...

Jerusalem (dpa)

Bei einem weiteren Selbstmord-Attentat starben in Jerusalem 30 Menschen, als ihr Bus von einer Bombe zerfetzt wurde. Nach Augenzeugenberichten handelte es sich bei dem Attentäter um eine junge Frau.

Coogan, Frederik und der fremde Kater

(Episode 3 aus dem Tagebuch eines kleinen Tigerkaters.)

Der Mond scheint hell ins Zimmer. Ich liege auf dem Kopfkissen neben meiner Menschin und spiele mit einer ihrer Haarsträhnen. Ich habe ihr verziehen. Ihr erinnert euch? Sie hat mich meiner Männlichkeit beraubt. Vier Wochen habe ich danach nicht mit ihr gesprochen und auch nur wenig gefressen. Aber jetzt habe ich mich mit meinem Schicksal abgefunden und es angenommen. Ein Vorbild hierfür ist natürlich mein großer Kumpel Frederik. Er ist ja auch kastriert und trotzdem ein prächtiger Kerl und ernstzunehmender Gegner von so manchem Kater aus der Nachbarschaft, der seine „cojones“ noch besitzt.

Ich liege also im Mondlicht und philosophiere über mich und meine Menschin. Ich weiß es noch wie heute, als sie mich aus dem Tierheim abgeholt hat. Ganz klein war ich da noch. Und froh, eine warme Hand zu haben, die mich streichelt. Ich durfte jede Nacht unter der Bettdecke der Menschin schlafen, fest an ihren Bauch gekuschelt. Ja ich bin ihr dankbar für das Zuhause, das sie mir bietet. Und ich gestehe, ich liebe diese Menschenfrau. Auch wenn sie manchmal etwas skurril zu sein scheint. Hegt sie doch eine seltsame Vorliebe für einen (mittlerweile uralten) Schauspieler namens Clint Eastwood. Dieser Kerl könnte ihr Opa sein! Aber sie findet ihn gut und immer, wenn einer seiner Filme läuft, hängt sie – und damit auch ich – vor der Glotze. So bin ich auch an meinen Namen gekommen. Frei nach „Coogans großer Bluff“. Skurril eben. Aber, was soll’s? Ein Name ist so gut wie jeder andere.

Langsam wird es hell draußen. Zeit, meine herzensgute Menschin zu wecken, damit sie nicht etwa das Futter vergisst. Mein Napf ist zwar noch halbvoll, aber man kann ja nie wissen. Ganz voll ist immer noch besser als halbvoll. Ich beschließe also gerade, ihr mit Wucht auf den Bauch zu springen und ihr anschließend meinen Schädel küssenderweise ins Gesicht zu rammen, Babymaunzer inbegriffen, als ich von draußen einen Ruf vernehme. Es ist Frederik. Er könnte durch die Katzenklappe auch zu uns herein kommen, aber er ist immer vorsichtig, höflich und zurückhaltend. Ich stürme also vom Schlafzimmer aus direkt nach draußen in den Garten. Frederik sitzt in der gerade aufgegangenen Frühsonne und ich bewundere, wieder einmal, seine Anmut. Ein so prächtiger Kater wäre ich auch gerne. Leider werde ich als Europäisch-Kurzhaar nicht unbedingt an seine Maine-Coon-Körpergröße herankommen.

Frederik ist gekommen, um mich zu warnen. Er hatte gestern Abend auf dem Heimweg eine wenig erheiternde Begegnung mit einem fremden Kater, der wohl unbedingt ein neues Revier klarmachen möchte. Die schöne Russisch-Blau-Kätzin aus der Nachbarschaft wird hieran wohl nicht so ganz unschuldig sein. Frederik, mit leicht lädierten Ohren, berichtet von einem kurzen aber heftigen Kampf, nach dem sich der Artgenosse zunächst zurückgezogen hat. Aber es ist zu vermuten, dass er nun sein Glück bei mir versuchen wird. Ich gebe zu, ich muss schlucken. Einen Revierkampf, also einen echten Revierkampf, habe ich noch nicht bestritten. Ich gestehe ich habe Angst. Aber Frederik beruhigt mich. Er hält mich für tapfer und beherzt und ist sicher, dass ich diesen Kampf bestehen werde. Außerdem verspricht er mir, in der Nähe zu sein und notfalls einzugreifen. Aber, er macht mir auch klar: Diesen Kampf muss ich alleine ausfechten, wenn ich ein echter Kater sein will und nicht etwa ein Schosshündchen. Recht hat er.

Ich lade Frederik zum Essen ein. Es ist Sonntag und die Menschin, die mittlerweile von ganz allein wach geworden ist, stellt sofort und bereitwillig eine zweite Schüssel mit herrlichem Nassfutter „Huhn in Soße“ bereit. Sie mag Frederik sehr gerne. So gerne, dass ich manchmal etwas eifersüchtig bin. Aber nur manchmal. Eigentlich genieße ich unsere „Familie“ auch wenn Frederik nur sporadisch dazugehört. Er hat ja schließlich seine eigene Familie. Und was für eine! Drei Kids im Alter von fünf bis zehn! Er hat es nicht leicht. Frederik und ich genießen den Sonntag. Putzen uns und ruhen gemeinsam nach dem guten Essen. Zum Mittagessen wird die Menschin von irgendeinem ihrer Liebhaber abgeholt. Ja, sie hat von Zeit zu Zeit einen Freund, aber bisher nie etwas Ernstes. In der Zeit, bevor sie mich aus dem Tierheim holte, hatte sie wohl mal einen Ehemann. Aber das ging auseinander und ich habe ihn nie kennengelernt. Ganz selten übernachtet mal einer ihrer Verehrer bei uns. Ich bin dann regelmäßig so was von sauer, weil sie mich nicht in das Schlafzimmer lässt. So manch gutes Möbelstück zeigt noch heute Spuren meines Protestes und meiner Missachtung.

Die Menschin ist also fort. Frederik und ich verbusseln den Tag. Streifen ein wenig in der Nachbarschaft umher. Bewundern die Russin aus der Ferne. Sich ihr zu nähern, wenn sie nicht rollig ist, ist eine brandgefährliche Angelegenheit und nichts für gemütliche, sonnige Sonntage. Schließlich trollen wir uns zurück zu meinem Haus. Beim Annähern sträubt sich unser Fell. Mein Kumpel und ich wittern es fast gleichzeitig. Der Fremde ist oder war hier. Er hat die Frechheit besessen, in meinem Garten zu markieren. Schnell überdecke ich seinen Geruch mit dem meinen und Frederik setzt seine Marke direkt daneben. Vorsichtig, nach allen Seiten sichernd, nähern wir uns dem Haus. Ich glaube es nicht, der Gipfel der Unverschämtheit! Der Fremde war doch tatsächlich im Haus! Alle Sinne aktiviert und mit gesträubtem Fell untersuchen wir Raum für Raum. Er hat zum Glück nichts angestellt. Nur in der Küche hat er unsere Näpfe restlos leer gefressen.

Im Haus ist der Fremde nicht mehr. Da klappert die Haustür und meine Menschin betritt die Szene. Sie hat manchmal so etwas Dominantes an sich. Sie ist allein. Und heult. Oh weh, der neue Lover! Frederik macht sich schleunigst aus dem Staub. Und ich stehe ihr pflichtschuldigst als Trost zur Verfügung. Tja, Menschin, wann wirst du erkennen, dass Kater, insbesondere solche die Coogan heißen, die besseren Gefährten für euch Menschenfrauen sind? Wir sind immer für euch da. Und je dicker ihr werdet, umso lieber ist es uns. WIR lieben kuschelige Bäuche, jawoll! Die Menschin und ich gehen schlafen. Ich, seit langem mal wieder, an ihren (übrigens keinesfalls dicken) Bauch gekuschelt. Schnurrend, während sich die Menschin in den Schlaf heult. Den fremden Kater habe ich nicht vergessen. Ich werde wachsam sein. Und ich werde die Menschin veranlassen, meine Katzenklappe des Nachts zu verschließen. Ich weiß nur noch nicht wie. Aber es wird mir etwas einfallen, da bin ich sicher.